Was ist die bunte butze nochmal?

Die bunte butze ist ein Hausprojekt im Herzen von Stadtfeld, mit dem wir umweltverträglichen und gleichzeitig sozialen wie günstigen Wohnraum schaffen. Alle Mieter*innen sind Teil einer Verantwortungsgemeinschaft, die über Erhalt und Entwicklung ihrer butze mitentscheidet. Um die vollständige CO2-Neutralität zu erreichen, nutzt das Mehrfamilienhaus Erdwärme, Solarenergie sowie die Eigenschaften natürlicher Rohstoffe im Innenausbau (Kalk, Lehm, Holz, Hanf, …), um Wohnen in allen Facetten wieder zu einem individuellen Erfahrungsbereich zu machen. (Die hundertprozentige Neutralität wird erst erreichbar sein, wenn auch manche Verwaltungsstrukturen und Möglichkeiten zu z.B. Energieproduktion in Selbstverantwortung möglich gemacht werden – wir arbeiten daran.) Außerdem weiß die bunte butze darum, dass das Leben im Großen wie im Kleinen immer nur die Summe seiner Teile ist – deshalb gehören Leben und Arbeiten eng zusammen. Geplant sind ein Coworkingspace mit angeschlossener Kindertagesbetreuung und gemeinsamem Mittagstisch, der stadtteilbekannte Unverpacktladen „Frau Ernas loser Lebensmittelpunkt“ mit größerer Ladenfläche sowie verschiedene Wohnkonzepte im Haus, von Wohngemeinschaften bis zu Mehr-Kind-Familien.

Die bunte butze ist vor allem aber auch: ein Projekt von Menschen für Menschen. In Stadtfeld für Stadtfeld.

Unsere Ideen setzen wir im ersten Vorhaben um in einem 11-Parteien-Mehrfamilienhaus mitten im Zentrum von Stadtfeld Ost. Gelegen an der Annastraße und der Hans-Löscher-Straße, versäubert mit ordentlichem DDR-Putz in der Knallfarbe braun, durch historische Zerstörung von seiner Fassadenverzierung befreit, steht es da im Kiez. Vom Schelli kommend, öffnet sich erst kurz vor dem Objekt die Allee und gibt den Blick frei auf Himmel und Hausspitze, die seltsam weit in den Himmel ragt, obwohl das Haus nicht größer ist als die Umstehenden. Der Fußweg davor ist etwas breiter als vor anderen Gebäuden, die Kreuzung wirkt daher beinahe wie ein Platz, ohne wirklich einer zu sein. Die Glascontainer und die dahinterliegende Brache laden ein zum Träumen von den unbegrenzten Möglichkeiten zeitgemäßer Stadtteilentwicklung.

Wer steckt hinter der bunten butze (the long story)?

Wir sind drei Stadtfelder Familien: sechs Erwachsene und fünf – in naher Zukunft sechs – Kinder. Wir bilden den Kern der bunten butze, sind verantwortlich für Form und Inhalt des Projekts. Kennengelernt haben wir uns im „Frau Ernas loser Lebensmittelpunkt“. Schnell sollte uns neben dem gemeinsamen externen Wohnzimmer auch anderes verbinden: Aufmerksamkeit für und Wertschätzung von nachhaltigen, fairen, sozialen, familienfreundlichen und konzeptsensiblen Themen, Projekten und Ideen.

Wir, das sind Erwachsene und Kinder aus drei Kernfamilien.

STAMM 1 sind Lepie/Wernekes. Anna hat ihr Kulturwissenschaftsstudium abgeschlossen mit einer Arbeit über die Kleinkindhygiene als soziologische Dimension gesellschaftlichen Lebens, liebt das Singen im Chor und ist Sachsen-Anhalts erste Windelfrei-Beraterin. Falk hat die meiste Berufserfahrung, ist gelernter Forstwirt, angestellt im Finanzministerium, selbstständiger Berater für Digitalisierungsprozesse in der Verwaltung und auch noch Ortsbeauftragter des THW-Ortsverbands Magdeburg. In diesem Stamm gibt es ein, bald zwei Kinder.

STAMM 2 besteht aus Mandernach/Gebhardt. Julian ist künstlerischer und handwerklicher Allrounder – Regisseur und Schauspieler für Theater und Film, Musikproduzent, Möbelerfinder und Raumgestalter. Er hat Erfahrungen als Parkettleger, als Musiktheaterpädagoge, als Cutter, Grafiker, Webgestalter – derzeit schließt er sein Studium der Szenischen Künste ab. Maria ist Interessenvertreterin/Lobbyistin für Freies Theater als Geschäftsführerin eines Landesverbands. Sie versteht sich vor allem als Rahmengestalterin. Die beiden haben ein Kind.

STAMM 3 sind Antens. Sie pflegen die kinderreichste Familie – eins, zwei, drei. Kerstin hat als Einzige einen Doktor, ist studierte Maschinenbauerin und arbeitet als Leiterin technische Entwicklung in einem mittelständischen Unternehmen. Sie verlässt früh das Haus. Frithjof ist Mitgeschäftsführer und Miteigentümer des Unverpacktladens „Frau Ernas loser Lebensmittelpunkt“, gelernter Waldorfpädagoge und derjenige im butzeKern mit der längsten Elternzeiterfahrung. Er kann alle drei Kinder gleichzeitig im Lastenrad mitnehmen.

Neben dem butzeKern gibt es uns umgebende Menschen und Gemeinschaften, die uns wesentlich unterstützen, damit die bunte butze lebendiges Zentrum Stadtfelds wird.

BIOTOP 1 ist die Patchworkfamilie – Mensch und Hund. Stephan berechnet als studierter Facility Manager die Halbwertzeit von baulicher Infrastruktur und trainiert damit seinen bohrenden Strukturblick. Zur Schärfung aller seiner Sinne ist er so oft als möglich im Freien unterwegs, am liebsten zu Fuß. Das gerbt von innen und außen. Sarah ist Idealistin und Multiplikatorin. Ist sie von etwas überzeugt, sollen es alle erfahren und die Möglichkeit erhalten, es ihr nachzutun – Zwang oder Doktrinen kämen ihr nicht in den Sinn. Sie ist Initiatorin und Miteigentümerin des Unverpacktladens „Frau Ernas loser Lebensmittelpunkt“. Komplettiert wird das Patchwork von Selma und Speick – die Laurel und Stanley unter den Hunden. Beide unterstützen die bunte butze mit ihrem Fachwissen und ihrer Energie.

BIOTOP 2 sind die Künstler*innen. Andrin, Christopher und Jove verbindet das Interesse an expressiven Photografien, Experimenten mit verschiedenen Farbuntergründen (Wand, Papier, Glas, Keramik) und möglichst flüssigen Farben. Sie unterteilen daher ihre Wohnung in Essen, Schlafen, Chillen und Kunst. Christopher steht dem butzeKern aktiv und beratend zur Seite bei Abbildungen und Homepagekonstruktionen. Andrin ist inhaltliche Mitdenkerin hinsichtlich möglicher Hausnutzungskonzepte.

Warum machen die das?

Da alle Kern-Erwachsenen auch Eltern sind, eint uns die Frage: Was können wir (unseren) Kindern mitgeben, wie können wir ihnen Vorbild sein? Bei Getränk und Kindergetöse flüsterten wir uns unsere Wünsche und Visionen zu, alle im Glauben, nichts davon umsetzen zu können. Im Teilen entstand Wirkmacht und vieles zog sich in einer geteilten Idee zusammen.

Wir kaufen ein Haus, sanieren umweltverträglich und fair, ermöglichen kostengünstigen Wohnraum im gentrifizierten und behundekoteten Stadtfeldt Ost, machen den Kiezteil zwischen Schellheimer Platz und Große Diesdorfer endlich noch interessanter, erschaffen mehrere Superhelden, lösen den Nahostkonflikt und gründen einen Einhornponyhof. (Und da wurden wir größenwahnsinnig.)

 

Vermutlich gibt es innerhalb unseres bunte butze Kerns genau so viele Erklärungen für das „warum“ wie Menschen, einiges aber ist vermutlich ähnlich. So ist Basis unserer persönlichen Motivation, die uns auch als Gruppe eng zusammenschweißt: das Miteinander der Menschen. Wir glauben, dass das Bündeln unserer Kräfte essentiell ist für das Überleben des Menschen auf unserer Erde. Wir alle sehen dass unsere Erde und ihre Gesellschaften derzeit mächtig ins Wanken geraten. Ein Grund dafür könnte in der Funktionsweise des Kapitalismus begründet liegen. Die Behauptung eines #schneller/weiter/mehr versetzt viele Menschen in Panik, nicht mitzukommen oder abgehängt zu werden. Diese Panik kippt sie aus ihrer Mitte, lässt sie auf ihre tierischen Instinkte zurückfallen und wie ein in die Ecke gedrängtes Tier entweder fliehen oder zum Angriff überzugehen. In diesem Modus achtet das Tier nur auf den eigenen Überlebenstrieb, höchstens noch auf seine Nachkommen. Und damit verspielen wir den darwinschen Vorteil des sozialen Triebs, der uns das Überleben gesichert hat (auch noch der Gameboy-Daumen, jaja). Ohne Panik ergibt sich die Chance, wieder aus der eigenen Mitte heraus zu handeln – Verantwortung zu übernehmen, mitzuwirken. Die Kooperation verschiedener Menschen ist es, glauben wir, die unsere evolutionären Schwächen ausgleichen kann und die dann Zukunftsfähigkeit ermöglicht. Dafür ist wesentlich, dass alle ihre eigentlichen Stärken (ihre Mitte) auch kennen – und nicht in gelernten Schemata oder Vorgaben leben. Diese gilt es im echten Blick auf sich herauszufinden – in Liebe geht das durchaus einfacher, als in Wut oder Hass. Deshalb wünschen wir uns, dass im gesellschaftlichen Miteinander wieder mehr Platz für das Handeln aus Liebe ist. Das würde mehr ermöglichen und weniger verhindern – und damit ein Spiegel sein für die Notwendigkeit von z.B. günstigen Mieten, um grundsätzlich möglichst viele in die Lage zu versetzen, sich selbst in den Blick zu nehmen zum Zwecke einer Gemeinschaft.

Nachhaltigkeit soll der zweite Leitgedanke sein. Die 17 Gesichter der Nachhaltigkeit alle zu bedenken, so wie die UN sie als Ziele bis 2030 katalogisiert, ist zwar wahnsinnig umfangreich, aber trotzdem als Grundgedanke lohnenswert – sind doch darin nicht nur die Fragen nach Sicherung von Klima und Ökologie gebündelt, sondern mannigfache Aspekte von fairen Lebens- und Arbeitsweisen (fair pay! Genderdiskurs! Diskriminierungssensibilität! Vielfalt! Bildung für alle! Chancengleichheit! und einiges mehr). Mit Achtung und Aufmerksamkeit den uns umgebenden Lebensbedingungen begegnen, um uns immer wieder zu befragen, was die adäquateste Antwort auf den Bedarf ist, gehört für uns zum essentiellen Grundgedanken von Nachhaltigkeit, der uns bei Sanierung und Beleben der bunten butze leiten soll. Klimafreundlichkeit, möglichst hohe Natürlichkeit bei gleichzeitiger Wahrung von bestandsarmen Ressourcen (Sensibilität) und Transparenz, also die Möglichkeit für Andere, am Wissen und Erkenntnissen teilzuhaben, sind also eigentlich Selbstverständlichkeiten und bedingen so z.B. die Auswahl der zu verwendenden Materialien und Wärmequellen.

Und zuletzt: erlebendes Begreifen. Wir glauben, dass unser Miteinander derzeit geprägt ist noch der Erfahrung der Entfremdung. Ob es nun an solchen Phänomen wie #Digitalisierung, #schneller/weiter/mehr, #keineZeit oder #nichtmeinXYZ liegt, ist für uns weder klar noch relevant. Wir spüren nur, dass es einen common sense gibt, der „den Systemen“ oder „den Institutionen“ – in jedem Fall: „den Anderen“ – die Verantwortung dafür gibt, dass etwas nicht (mehr) geht. Einen solchen Satz hat bestimmt jede*r schon einmal in Freundeskreis oder Familie gehört: „Würde ich ja gern, aber das System lässt es nicht zu“ und damit ist kein großes Staatssystem gemeint, sondern es kann sowohl ein Betriebsprogramm in der Straßenbahn beim Ticketkauf sein oder auch ein Formular zur Beantragung von Kredit/Förderung/oder ähnliches. In jedem Fall verlieren Menschen das Gefühl dafür, selbst (mit-)verantwortlich zu sein oder (als Gruppe) selbst bestimmen zu können, einen Einfluss auf das sie Umgebende zu haben. An diese Verluste scheinen wir uns heute als Menschen oft schon gewöhnt zu haben. Und doch…
Uns im butze-Kern einen Erfahrungen in der Kindheit, als das Internet noch nicht erfunden war. Waren Auto, Radio oder Waschmaschine kaputt, fand sich im Umfeld immer irgendjemand, der etwas Wissen von den Funktionsweisen oder nicht so viel Panik vor deren Zerstörung hatte, um die Reparatur zu wagen. Und mit einem Kreuzschlitz und einem improvisierten Einzelteilsortiersystem konnte der Situation begegnet werden. Manchmal hatten wir danach auch mal ein Spieltelefon oder -radio mehr, in jedem Fall aber waren alle Beteiligten um Erfahrung, Wissen und – im Erfolgsfall – vor allem Stolz auf die eigenen Einflussmöglichkeiten reicher… Die bunte butze soll in verschiedener Hinsicht die Möglichkeit bieten, durch eigenes Erleben und Ausprobieren zu Erkenntnissen zu gelangen, Schlüsse zu ziehen. Das betrifft nicht nur Installationsweisen, die uns Einfluss für individuelles Wohnen und Leben geben, sondern auch größere Themen, wie die Frage der Wohn- und Lebenskonzepte überhaupt – finden sich Familien mit Kindern am besten in getrennten Wohnungen wieder oder gibt es Chancen auf geteilte Wohnräume und Erfahrungswelten? Das würden wir gern ausprobieren.