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Zwischenmiete erwünscht

01. November 2020

Als wir im Frühsommer (siehe Blogeintrag vom 01.06.2020) beschlossen, die Seite der Hans-Löscher-Straße zur temporären Zwischenmiete freizugeben, hatten wir keine Vorstellung davon, ob und wie das Angebot angenommen werden würde. Falk hatte für die Idee Kontakt aufgenommen zum International Office der Otto von Guericke Universität – die uns versicherten, dass sich Mietende finden lassen würden. Spätestens zum Semesterstart im September wäre der Vermietungsbeginn also günstig. Das stellte uns vor die Herausforderung, einen fixen Termin einhalten zu müssen. Auch zuvor hatte es schon Verbindlichkeiten und Termine gegeben; ein Nichteinhalten hätte allerdings höchstens unser Vorhaben verlängert oder vielleicht etwas verkompliziert. Hier nun gingen wir eine erste Verbindlichkeit ein, noch dazu mit einem so großen Partner wie der hiesigen Universität.

Die kleinschrittige Arbeit in den Zimmern der verschiedenen Wohnungen (wir nannten sie Hamburg, Hildesheim, Lima, Oberammergau, Bielefeld, Tallinn, Kassel) wurde zu einer meditativen Aufgabe – Frithjof und Falk besorgten das Mobiliar, der butzeKern verwaltete gemeinsam eine Liste an noch benötigten Gegenständen und recherchierte bei ebay Kleinanzeigen und lokalen Anbietern, Mia machte die Grundreinigung und besorgte die innenarchitektonische Ausrichtung der Fundstücke. Peu à peu entwickelten sich die Wohneinheiten wirklich zu bezugsfertigen Zimmern mit Servicecharakter. Und wie ein Elternteil das fertig zusammengestellte Fahrrad aufgeregt in die Hände des Kindes gibt, so warteten wir auf den Moment der ersten Schlüsselübergabe. WG-Anzeigen auf deutsch und englisch wurden veröffentlicht, sogar Luftaufnahmen des Gebäudes mit Drohne angefertigt, besonders die Lage im Viertel und die Möglichkeiten vor Ort hervorgehoben. Und es dauerte tatsächlich nur ungefähr zwei Wochen, bis die ersten Besichtigungen abgehalten werden konnten. Falk gab die ersten Haustouren, sicher wie ein Fisch im Wasser – die anderen Mitglieder des butzeKerns sprachen sich zu dem Zeitpunkt immer noch einmal untereinander ab: “Hast du die Tour auf englisch gemacht? Musstest du irgedwas verhandeln? Was sollten wir nicht vergessen zu erzählen? Um welches Zimmer geht es nochmal?”. Woche für Woche wurden immer mehr Zimmer vergeben; schon im Juli zogen die ersten Menschen in die bunte butze ein. Zunächst wäre es merkwürdig gewesen zu wissen, dass das Haus ansonsten komplett leerstand, so meinten die ersten Bewohner. Vor allem nachts. Doch das sollte sich sehr bald ändern – so schnell, dass auch der butzeKern überrascht war.

“Wir haben hier ein Angebot geschaffen, für das es offensichtlich eine ungestillte Nachfrage gibt. Das Konzept ist ja: Miete für deinen Bedarf – mindestens vier Wochen wären nett. Außerdem verlangen wir keine Kaution und rechnen die verbrauchten Nebenkosten nicht noch einmal im Nachhinein ab. Die Leute wissen, was auf sie zukommt: es gibt einen festen Preis und keine Überaschungen. Wir kalkulieren auf unser Risiko, vertrauen den Mieter*innen und ihrem verantwortungsbewusstem Umgang mit dem Gebäude und unseren eingebrachten Einrichtungen. Dafür bleibt das Verhältnis ein sehr Menschliches.” (Falk)

Viele verschiedene Nationen sind mittlerweile, Ende des Jahres 2020, in der bunten butze versammelt. Portugal, Estland, Tadschikistan, Marokko, Ägypten, Usbekistan, Mongolei, Jordanien und Indien garantieren eine wirklich bunte butze. Immer wieder kommt es vor, dass der Eine oder die Andere auszieht. Nicht, ohne sich vorher bei Falk und dem butzeKern herzlich zu verabschieden, zu danken und weiter zu ziehen. Jedes Mal dauert es keine Woche bis das freigewordene Zimmer wieder vergeben werden kann. Es tut gut, die bunte butze bereits vor Sanierungsbeginn in einem belebten Zustand zu sehen. Wer in den Abendstunden durch Stadtfeld Ost spazieren geht, kann die mit Fingerfarbe gemalten Fensterbilder nun auch leuchten sehen. Und nicht nur das: die Menschen in den 22 Zimmern bleiben in der Hans-Löscher-Straße nicht für sich. Die Sorge, die wir anfangs hatten: nämlich dass mit regelmäßig wechselnden Mieter*innen sich vielleicht bestimmte Mietgruppen nicht ausreichend sicher fühlen könnten – sie bestätigt sich nicht.

“Bei einem Besichtigungstermin stand ich am Ende mit der Interessentin bereits draußen auf der Straße, in den letzten Zügen des Gesprächs. Wir hatten gerade darüber gesprochen, ob es für die Zimmer Schlüssel gebe, damit auch innerhalb des Hauses und der Wohnungen ein gewisses Maß an Sicherheit gegeben sein könnte. Da spazierte ein aktueller Mitbewohner auf das Haus zu. Ich stellte ihm die Interessentin vor und es entspann sich sofort ein Gespräch zwischen den Beiden – er berichtete über die Zusammensetzung und wer wem womit schon mal geholfen habe. Ich hatte sogar Schwierigkeiten, mich zu verabschieden, so lange sprachen wir miteinander.” (Mia)

Die Interessentin zog schlussendlich ein. Und immer wieder hören wir davon, mit welcher Selbstverständlichkeit in der bunten butze Austausch und Gespräch entstehen. Und nicht nur das: die Verbindungen zwischen den Menschen sind teilweise sehr freundschaftlicher Natur. In einer Gesellschafter*innenversammlung wurde eine erste Übersicht diskutiert, welche Wohnungen von wem nach der Sanierung genutzt werden wollen und welche noch frei bleiben. In diesem Zusammenhang haben wir auch eine Wohngemeinschaft für drei der aktuellen Mieter*innen blockiert, die sich in der bunten butze kennen und schätzen gelernt haben und den butzeKern baten, eine Wohnung für sie zur gemeinschaftlichen Nutzung zu sichern. Und der butzeKern freut sich sehr darauf, sie auch nach der Sanierung als Teil der Hausgemeinschaft zu wissen.